Manchmal frage ich mich, wie viel von dem, was wir heute als zeitgenössischen Tanz bezeichnen, tatsächlich noch mit der ursprünglichen Neugier und Offenheit zu tun hat, die dieses
Feld einst geprägt hat. In den letzten Jahren hat sich vieles verändert, manchmal auch zurückentwickelt—viel wird wieder dogmatischer, festgefahrener, als wäre die Freiheit, die
einst alles möglich machte, plötzlich nicht mehr gefragt. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Tänzerin in Berlin, die meinte, sie müsse sich immer wieder daran erinnern,
dass ihr eigener Körper kein Werkzeug für fremde Konzepte ist, sondern ein eigenes Wissen trägt. Das hat mich beschäftigt. Denn genau darum geht es hier: zeitgenössischer Tanz
wird nicht mehr bloß als Technik verstanden, sondern als eine Art, die Welt zu begreifen, zu befragen, zu beantworten—manchmal auch nur anzudeuten. Und dann geschieht etwas
Seltsames: Wer sich wirklich einlässt, merkt nach einer Weile, dass Tanz keine Bühne braucht, kein Publikum, keine perfekte Choreografie. Plötzlich wird jeder Raum, jede
Begegnung, sogar ein Gespräch oder eine Stille zur Möglichkeit, Bewegungen zu spüren, zu hinterfragen. Das Denken wird körperlicher, der Körper denkt mit—und das verändert, wie
man auf Situationen reagiert. Es ist wie ein ständiger Dialog, nicht nur mit sich selbst, sondern mit allem, was einen umgibt. Manchmal blitzt dieses neue Verständnis ganz
unerwartet auf, etwa wenn man im Alltag merkt, dass man Konflikte anders angeht oder schneller kreative Lösungen findet. Es bleibt nicht beim Tanzen, es färbt ab. Auf die Arbeit,
auf Beziehungen, manchmal sogar darauf, wie man morgens aufsteht. Was dabei wirklich zählt? Dass man lernt, Unsicherheit nicht als Mangel zu sehen, sondern als Einladung. Wer
diesen Zugang ernst nimmt, entwickelt eine Fähigkeit, die im Beruf (und, ehrlich gesagt, auch im Rest des Lebens) selten ist: Beweglichkeit im Denken, Offenheit fürs Unerwartete,
Mut, nicht alles sofort wissen zu müssen. Ich habe es selbst erlebt, wie Leute plötzlich mutiger improvisieren, eigene Impulse als wertvoll begreifen und in Teams ihre
Perspektiven einbringen, ohne sich zu verstecken. Und ja, es klingt fast einfach, aber genau das ist das Schwierige: sich zu erlauben, mit dem eigenen Körper zu forschen, statt
immer nur zu funktionieren. Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieses Ansatzes—und er bleibt, wenn alles andere längst verblasst ist.
Nach der Anmeldung beginnt alles ziemlich unspektakulär—jeder bekommt erst mal ein kleines Heftchen, in dem die ersten Übungen stehen. Dann steht man
barfuß im Studio, und plötzlich zählt die Lehrerin rückwärts von fünf; es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man gleich ins kalte Wasser springen. Die grundlegenden Bewegungen
werden schnell durchgegangen, aber dann folgt eine eigenartige Stille, in der alle üben sollen. Manche schauen dabei verstohlen auf die Füße der anderen. Beim Thema Bodenkontakt
bleibt der Kurs länger stehen—immer wieder wird die Bedeutung betont, manchmal mit einer fast schon poetischen Ernsthaftigkeit. Zum Beispiel gibt es eine Übung, bei der man mit
geschlossenen Augen einen Kreis tanzt, während leise Musik läuft; nicht jeder nimmt das ernst, aber das fällt gar nicht so richtig auf. Dann, ganz abrupt, wird das Tempo wieder
angezogen: Plötzlich geht es um Sprünge, und wer nicht aufpasst, stolpert leicht. Die Lehrerin trägt an einem Tag eine knallrote Strickjacke, obwohl es draußen heiß ist—es wirkt
seltsam passend.